Um miteinander in Kontakt zu bleiben...

Foto: Hanna Sauter-Diesing

„Du siehst mich“ (1. Mose 16,13)

Liebe Kolleg*innen,

diese kleine Raupe fand ich letzte Woche plötzlich auf dem Küchentisch. Unter der Zeitung hindurch hatte sie sich wohl vom Blumenstrauß, aus dem Garten gepflückt, heruntergelassen und auf einen neuen Weg getraut. Davon ließ sie sich schwer abbringen.

Als Kind hatte ich Raupen schon immer sehr interessant gefunden: das unterschiedliche Aussehen, wie sie sich bewegen, die kleinen Bissspuren an den Blättern. Im Sandkasten hatte ich sogar liebevoll eine Raupenwohnung angelegt. Am nächsten Tag waren alle Raupen weg, die Grünen, die Gemusterten und auch die spannende Orangenen mit Härchen wie Fell: alle nicht mehr da. Ich war tieftraurig, denn hatte ich doch alles so schön gemacht.

Heute weiß ich, warum meine liebevoll gestaltete Umgebung den Raupen nicht zusagte. Ich hatte es aus meiner Sicht, aus meiner Perspektive ihnen „schön“ gemacht. Das war zwar löblich, doch nicht immer hilfreich - aber es war das einzige, was mir einfiel.

Das geht uns Menschen oft so: wenn wir etwas nicht genau wissen oder in Stresssituationen sind, greifen wir auf alte Verhaltensmuster zurück. Uns fehlt dann oft die Zeit, Kraft und Reflexion darüber nachzudenken, dass mein Gegenüber nicht das (durchaus liebevoll angesehene) Objekt ist, sondern ein Subjekt, mit eben vielleicht anderen Bedürfnissen als ich persönlich (wohlmeinend) denke. Wir machen das, wovon wir meinen, dass es gut für den anderen ist.

Dabei wissen wir doch, dass wir das selbst auch nicht mögen, wenn wir so empfinden: ich werde nicht richtig gesehen, mit meinen Bedürfnissen nicht wahrgenommen.

Gerade jetzt, in dieser Zeit, wo von uns in den Schulen so viel Flexibilität und Einsatz abverlangt wird, gerade jetzt wird ganz viel gesehen – aber wo bleibe ich als Person? Wer sieht mich? Und sehe ich noch den Schüler und die Schülerin jenseits von Verordnungen, Sitzordnung in Distanz und Lernstoff?

„Du siehst mich“

In der Geschichte in 1. Mose 16 erlebt Hagar, wie ein Engel zu ihr in die Wüste kommt, sie ansieht und mit ihr spricht. „Du siehst mich“ sagt sie über Gott, und kann so wieder in die (nicht leichte) Zukunft blicken.

Für die Raupe habe ich eine Lösung gefunden: keine Raupenwohnung im Sandkasten, sondern eine geschützte Ecke im Garten im Blumenbeet, da, woher sie wohl ursprünglich kam. Das fand die Raupe wohl ganz gut, denn sofort knusperte sie an einem Blatt.

Einen Moment der Gewissheit, dass Gott mich ansieht, ich Subjekt und nicht Objekt bin, das brauchen wir wie unser täglich Brot. Dann kann ich das auch in diesen Zeiten im Kontakt mit Schüler*innen und Kolleg*innen leben: „Ich sehe dich, mit deinen Bedürfnissen, deinen Sorgen, deinen Freuden. Denn auch ich bin angesehen worden.“

Wir unterstützen Sie weiterhin gerne durch unsere Angebote. Sprechen Sie uns bitte auch in Beratung und Seelsorge an.

Neu auf unserer Homepage  ist zum Beispiel diese Woche:

Unter „Lernen in Krisenzeiten“ finden Sie unter anderem „Aktuelle Anknüpfungen zum Lehrplan“, wie der Themenbereich „Corona“ im regulären evangelischen Religionsunterricht thematisiert werden kann.  Vieles entsteht auch aus dem Online-Café dienstags und mittwochs heraus, kommen Sie doch vorbei! Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.

Und noch eine schöne Nachricht: unsere Fortbildung zum Thema Upcycling (16.-20-07.2020) am Edersee kann stattfinden, mit aktuellem Hygienekonzept und entsprechend leicht veränderter Durchführung. Anmeldungen sind ab jetzt wieder möglich.

Für das Team des Schulreferats

Hanna Sauter-Diesing