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Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes (Psalm 4,7)

Liebe Kolleg*innen,

Mila hat das Böse entdeckt. Es heißt „Corona“. Für Mila ist Corona sehr real und eigentlich auch ein eigenständiges sehr böses Geschöpf und es hält sich nicht an die Regeln. „Corona“ so erklärt sie mir, „kann ganz verschieden aussehen. Sogar wie der Papa oder Mama - oder du.“ Da muss sie doch ein bisschen kichern. Deswegen müsse man gaaaanz viel Abstand halten und besonders niesen („Guck mal, so“ und niest demonstrativ in die Armbeuge), immer Händewaschen (sie ringt ihre Hände ineinander wie in einem Miniaturballett) und fast immer eine Maske anziehen („Das ist genauso wichtig wie eine Unterhose, weißt du!“). Dann nämlich kommt Corona nicht. Zur Sicherheit hat Mila noch ein Schild gemalt und an die Wohnungstür gehängt. Am liebsten hätte ich Mila in den Arm genommen und ihr versichert, dass diese Regeln ganz bestimmt das Böse in Schach halten und schließlich verjagen werden. Doch das wäre gelogen.

Die sechs Jahre alte Mila versucht, dem Unbegreiflichen einen Rahmen zu setzen. Da sind Regeln, und ihre Welt bleibt in den Fugen, wenn diese eingehalten werden. Und das ist gerade jetzt richtig - teilweise. Die aktuelle Situation lässt uns erneut und mit potenziertem Erschrecken erkennen: Es war noch nicht genug. Die Infektions- und Todeszahlen steigen, als ob wir nichts getan hätten. Corona infiziert munter weiter. Und nun kam er doch: Der Shutdown. Und wieder werden unsere Solidarität, unsere Autonomie, unsere Lebensentwürfe und -orientierungen in Frage gestellt.

Der Theologe Ingolf U. Dalferth kennzeichnet das Böse als das Unbegreifliche, das wir eigentlich nicht denken können, aber trotzdem erleben. Er plädiert dafür, das Böse nicht nur als Symbol, sondern als erfahrene Wirklichkeit zu begreifen und zwar aus der Opferperspektive. So rücken wir vom Bild des zielgerichteten Bösen ab und sind doch in der Lage, die Dimensionen des Bösen zu erfassen. Und nur, wenn ich das Böse für mich erfasse, kann ich dann auch im nächsten Schritt das Gute für mich formulieren.

Das war es also, was Mila in ihrer kindlichen Vorstellungswelt machte. Das Unbegreifliche in einen Rahmen setzen: die Regeln. Das befähigte sie, über ihre Ängste zu sprechen. Für uns Erwachsene scheint sich das ungleich komplizierter zu gestalten. Die Unsicherheit und auch Orientierungslosigkeit gepaart mit immer neuen Anforderungen in der Schule und im privaten Umfeld fordern uns zu schnellem Umdenken und Handeln auf. Unser Rahmen verändert sich rasant:  Was vorher oft als bedrohlich empfunden wurde wie das Internet und Computer wird jetzt von den meisten Menschen als hilfreich angesehen.

Was könnte in der Pandemiezeit und jetzt im Shutdown mein Rahmen sein? Ein Rahmen, in dem ich das, was ich erlebe, durchaus auch als Böses ansehen und für mich erfassen darf - ohne gleich in eine Kategorisierung oder ein Handeln überzugehen. Welcher Rahmen gibt mir Orientierung? Vielleicht kann ich darüber nachdenken, was da jetzt gerade mit mir, mit uns passiert. Vielleicht mir einen „Rahmen“ von außen setzen (lassen). Vielleicht mit der Losung für den Monat Januar: „Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes (Psalm 4,7)“. Eine tröstende Vorstellung, finde ich, ist dieses Bild: Gott lässt sein Licht über uns leuchten, ein Licht, das aus ihm kommt und über uns scheint. Im Hinsehen auf das Böse scheint so auch das Gute für mich auf. Ja, einen Rahmen aus Licht, das wünsche ich uns.

Wir freuen uns, wenn Sie sich Zeit für sich und zum Nachsinnen nehmen, neben dem Bedrückendem und Schwierigen auch Licht und Lebensfreude erleben können. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Angebote nutzen, um Anregungen für Ihren beruflichen Alltag und die jetzigen Ausnahmesituationen zu bekommen. Weiter sind wir gerne auch weiterhin in persönlichen Gesprächen für Sie da.

Neu auf unserer Homepage wird in dieser Woche ein Padlet zum Thema „Bausteine für den Distanzunterricht“ veröffentlicht. Weiter bauen wir gerade eine Sammlung mit Büchern zum Fernunterricht und digital unterstützen Unterricht auf, die Anfänge sind zu finden unter https://eopac.net/BGX430582/medialist/digitale-schule/

Wir wünschen Ihnen aus der Ferne und doch auch wieder sehr nahe ein gutes und gelungenes Ende des ersten Halbjahres,

 für das Team des Schulreferats Ihre Hanna Sauter-Diesing.

Zu Prof. Dr. Ingolf U. Dalferth noch Möglichkeiten zur Vertiefung:

https://youtu.be/7aCy51BSDmI

Ingolf U. Dalferth: Das Böse. Essay über die Denkform des Unbegreiflichen, Mohr Siebeck 2006