Monatsgruß im November

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit eiligem Schritt ging ich vor ein paar Tagen zu einer Veranstaltung. Da sagte ein Kollege: „Warte mal, da ist ein Fliegenpilz!“ Und richtig, fast hätte ich ihn übersehen. Da nahm ich mir doch die Zeit, diesen hübschen kleinen Fliegenpilz zu fotografieren. „Es ist doch merkwürdig, dass so etwas Hübsches so giftig sei,“ meinten wir. Und doch, so stelle ich beim Nachlesen fest, liegt die Gefährlichkeit des Pilzes eher in seiner Wirkung als Droge als in einer todbringenden Pflanze.

Wie so oft verändern sich vermeintlich feste Wahrheiten und Grundsätze, wenn ich es differenziert betrachte. Es ist verwirrend, immer wieder zu bemerken, dass es selten ein klares Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Hell oder Dunkel, Richtig oder Falsch gibt. Wonach und nach wem soll ich mich richten, mein Leben ausrichten, Geschehnisse beurteilen und auch selber handeln, wenn anscheinend alles mit genügend Nachdenken auch anders betrachtet werden kann?

Wir Menschen brauchen Werte und Normen, um uns entscheiden zu können. Das braucht Stabilität und Flexibilität: Eine Stabilität ist wichtig, damit nicht jede neue Information eine Bedrohung wird und mich sofort Infrage stellt. Flexibilität benötige ich, um meine Haltung auch angemessen verändern oder anpassen zu können. Ein Ort, an dem wir das lernen und ausprobieren können und sollen, ist die Schule. Und der Religionsunterricht nochmal in besonderem Maße. Es gehört zu der Bildung religiöser Identität unbedingt dazu, Werte und Normen zu hinterfragen, für sich im Diskurs mit anderen in Einklang zu bringen und auch Toleranz zu üben.

Und besonders wichtig ist es zu wissen: Wo ist meine Grenze? Hier kann ich nicht mehr Toleranz üben. Da will ich kein Verständnis mehr haben. Es ist schwierig, das eigene Werte- und Normensystem zu entwickeln und auch zu verteidigen.

 „Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die aus sauer süß und aus süß sauer machen.“ Der Monatsspruch aus Jesaja 5, 20 für den Monat November geht genau darum:  Es gibt eine Grenze, wo es nicht mehr darum geht, etwas differenziert zu betrachten. Es gibt eine Grenze, wo eine Haltung schlicht einen falschen Wert ausdrückt.

Wir wissen gerade in diesen Wochen genau, wie gefährlich eine Haltung basierend auf rein materiellem Nutzen sein kann. Wie sehr wir uns damit quälen, dass wir die Grundlagen für unsere Energie auch aus den Ländern geliefert bekommen, deren Grundwerte eben nicht demokratisch sind und Menschenrechte wertlos zu sein scheinen. Oder dass eine WM in einem Land ausgetragen wird, in dem der Wert des Menschen nach seiner Herkunft gemessen wird und Ausbeutung normal ist. Oder dass ein Krieg stattfindet, wo wir nicht wissen, wie ein Weg in den Frieden führt.

Bei Jesaja ging es darum: Der Wohlstand, der Lebensstil der Menschen, brachte gleichzeitig eine rein materielle Sicht auf Werte mit sich. Es galt alles als gut, solange es dem Wohlstand diente. Und Jesaja erinnert: „Es gibt noch eine andere Wirklichkeit als euren Wohlstand, es gibt andere Kriterien für Werte. Es gibt Gottes Wort und Präsenz in eurem Leben. Das soll eure Richtschnur sein.“

Beim Propheten Jesaja sind die „Wehe“-Rufe eine Mahnung, ein Wachrütteln. „Sieh hin, was wirklich vor deinen Augen ist. Warte mal, betrachte es genauer. Denke nach.“ Und vielleicht ist es genau das: Innehalten, nachdenken, auch mit anderen. Nicht denen auf den Leim gehen, die uns geschickt vorschnelle Lösungen anbieten. Nicht durcheinanderbringen lassen von vielen Wenns und Abers.  Mut zu finden und einzustehen für das, was mir wichtig ist und ich als wahr erkenne. Oder um beim Fliegenpilz zu bleiben: Nur weil er nicht unbedingt tödlich ist, ist er deshalb nicht gut.

Selbst überprüfen und wieder die Richtschnur finden. Auch und gerade im evangelischen Religionsunterricht. Dazu wünsche ich Ihnen gute Stunden mit Ihren Kursen.

Mit herzlichen Grüßen im Namen des Teams des Evangelischen Schulreferats,

 Ihre Hanna Sauter-Diesing