Monatsgruß im April

Foto: Hanna Sauter-Diesing

Liebe Kolleg:innen,

„Der hat gelogen, ganz in echt, wirklich“ höre ich laut auf dem Schulhof der Grundschule. Verzweiflung gepaart mit Ungläubigkeit schwingt in dem lauten Aufschrei mit. Da spüre ich richtig mit, wie ein junger Mensch daran verzweifelt, dass eine Grenze überschritten wird. Da gerät die Welt aus den Fugen, da scheint nichts mehr sicher. Wenn schon das nicht mehr stimmt, nicht mehr funktioniert, was dann?

Wir erleben es in diesen Wochen genauso intensiv: Wenn in diesen Tagen von „Grenzen“ die Rede ist, dann als Ausdruck unserer Bestürzung. Ich höre und lese in diesen Tagen Formulierungen wie: „Die Grenze des Anstands/ der Vereinbarungen/ der Gewalt/ des Menschlichen/ des Vorstellbaren … ist überschritten“. Unsere Welt scheint wie auf den Kopf gestellt. Jetzt erleben wir alle das Recht des Stärkeren. Ganz und gar negativ. Gibt es noch einen gemeinsamen Rahmen? Und wie kann ich den Schüler:innen das jetzt erklären?

 Was im Großen gilt, gilt auch im Kleinen. Wenn im beruflichen Kontext oder privat Grenzen überschritten werden, der gesetzte Rahmen nicht mehr gilt, dann verstehe ich oft die Welt nicht mehr. Ich bin dann hilflos und suche Orientierung. Da muss sich die Welt, meine Welt, wieder im wahrsten Sinne des Wortes zurechtrücken. Das kennen und verstehen Schüler:innen, die Großen wie die Kleinen.

Und doch: Was für uns in negativen Grenzüberschreitungen wie jetzt im Krieg in der Ukraine gilt, gilt auch im positiven. Wenn etwas unerwartet und ganz und gar Gutes geschieht. Da hat sich jemand in mich verliebt, ganz unerwartet entsteht eine Beziehung. Oder die Nachbarin nimmt einfach eine Flüchtlingsfamilie mit 5 Personen auf, es geht schon irgendwie. Vor einigen Jahren hatte sie noch ganz anders über Flüchtlinge geredet. Da hat sich etwas entwickelt. Da muss ich auch erst einmal mit klarkommen. Und hier merke ich auch: Ich kann nicht alles erklären. Grenzüberschreitungen sind nicht immer rational fassbar. Aber Grenzen sind auch nicht immer nur individuelle Ansichtssache. Einige scheinen ganz klar: Die Grenze zwischen Leben und Tod zum Beispiel.

Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: „Ich habe den Herrn gesehen!“ Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte Johannes 20,18

Als ich den Monatsspruch las und an Ostern dachte, da wurde mir klar: Dieses Erschrecken, aus dem Rahmen gefallen sein, das gilt auch für Ostern. Es ist eindeutig eine Grenzüberschreitung, wenn jemand behauptet, mehr noch: „verkündet“, dass ein Toter wieder auferstanden sei. Und gerade im Johannesevangelium finden sich deutliche Geschichten, dass es sich hier um eine leibliche Auferstehung handelt. Wer kann es den Jüngern verdenken, der Verkünderin nicht zu glauben! Das macht ja noch mehr Angst: erst wird Jesus verhaftet, gefoltert und ans Kreuz genagelt. Damit muss man ja als Jünger erstmal klarkommen, da ist ja alles zusammengebrochen, bis hin zur Gefährdung des eigenen Lebens. Und dann: „Er ist auferstanden!“ Da muss sich die Welt erst wieder zurechtrücken. Es ist kein „Alles wird gut“, sondern ein: „Es ist noch unglaublicher, als ich begreifen kann“. Die Grenzen sind verschoben in alle Richtungen, mehr noch, sie sind aufgehoben. Zumindest in diesem einen Geschehen, das sich in Ostern zeigt. Gott ist da, wirklich da.

Und ich merke: Dieses Jahr ist uns Ostern vielleicht näher als in anderen Jahren. Es fällt aus dem Rahmen, mehr noch, die frohe Botschaft scheint deplatziert. Und doch: Gott ist da! Er setzt Grenzen außer Kraft und rückt unsere Welt zurecht. Er ist der Rahmen, in dem ich mich sicher bewegen kann. Auch wenn gerade alles für mich zusammenzubrechen scheint. Ich kann es nicht bis ins Letzte erklären, aber ich kann über unseren Trümmern hinweg sein Licht sehen und verkünden: „Ich habe den Herrn gesehen“

Wir wünschen Ihnen aus ganzem Herzen eine gesegnete Passionszeit und fröhliche Ostern.

Im Namen des Teams des ev. Schulreferats

Ihre Hanna Sauter-Diesing