Monatsgruß im Mai

Liebe Kolleg*innen,

Dr. Larch ruft den Jungen im Waisenhaus vor dem Schlafen zu: „Gute Nacht, ihr Prinzen von Maine, ihr Könige von Neuengland!“ So sieht Dr. Larch die Kinder und Jugendliche: Auch wenn das, was sie erlebt haben und jetzt sind, wenig verheißungsvoll scheint, erblickt Dr. Larch doch in jedem von ihnen Kompetenzen und Möglichkeiten, die gute Zukunft verheißen. Durch diesen Blick und den Zuspruch verändert dieser in den Augen einiger eher fragwürdige Mann auch die Gegenwart der ihm anvertrauten Waisen in Maine. Das alles (und noch viel mehr) steht in dem Buch „Gottes Werk und Teufels Betrag“ von John Irving.

Mein Selbst-und Weltbild verändert sich, wenn ich den Blickwinkel verschiebe und neue Perspektiven entdecke, mir jemand Potential zuspricht, mein Selbstbild „ver-rückt“ wird. Durch die Verheißung der Zukunft verändert sich meine Gegenwart.

Wir sind vorsichtig momentan mit Verheißungen. Wird es nächste Woche Distanz- oder Wechselunterricht geben? Wie lange halten wir, ich, die Kolleg*in, die Schüler*in, die Eltern, das physisch und psychisch noch durch? Können wir mal in Urlaub fahren? Bin ich noch der Lehrer, die Lehrerin, so, wie ich eigentlich sein will? Die Gegenwart spielt sich in kurzen Abschnitten ab und die Zukunft wird zwar geplant -  aber sie ist mehr denn je unberechenbar. Verheißungen zu trauen fällt schwer – wir sind zu oft enttäuscht worden, sind erschöpft vom andauernden Hin- und Her der letzten Monate.

Einen anderen Blickwinkel einnehmen auch für sich selbst, das sagt mir der Bibelvers für den Monat Mai: „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“ aus Sprüche 31,8.

Bin ich jetzt die Starke oder die Schwache? Wo ich früher eher appellativ hörte: „Tritt für die Schwachen ein!“, klingt jetzt auch: „Lass für dich eintreten, lass jemand anderen für dich die Stimme erheben“. Ich bin nicht irgendwo dazwischen, schwebend und ausgeliefert, sondern da ist auch Unterstützung und für mich Eintreten, wenn ich es selber nicht will oder kann. Mein Selbst-und Weltbild verändert sich, wenn ich den Blickwinkel verschiebe und neue Perspektiven entdecke. Dann kann das „oder“ zu einem „und“ werden, ich bin „stark“ und „schwach“.

Auch Ostern und Pfingsten erzählen von Veränderungen des Blickwinkels, vom Eröffnen neuer Perspektiven: Neues Leben überwindet den Tod und Gottes Geist berührt mich, gibt Kraft und befähigt. Zwischen diesen beiden kirchlichen Festkreisen können wir neu entdecken:  Die Veränderung des Blickwinkels gibt neue Perspektiven, oft Hoffnung und Vergewisserung. Manchmal bin ich erschöpft und kann meinen Blickwinkel nicht verändern. Dann tut es gut, wenn mir jemand etwas zusagt. Wenn Gott sagt: „Ich trete für dich ein“. Oder ein anderer in meinem Sinne redet, weil ich verstummt bin. Oder auch einfach jemand sagt: Ich sehe dich aus einem anderen Blickwinkel.

Die Kirschblüte steht in der japanischen Kultur für Schönheit und Aufbruch. Und in diesem Jahr, aufgrund der kühleren Temperaturen, zeigt sich diese Pracht erst jetzt im Mai. Der blühende Kirschbaum in unserem Garten verheißt und verändert: Ich sehe die Schönheit der Blüten, den Himmel und die Erde, auch den Sommer mit Kirschen, üppiges Wachsen, große Ernte.

Das, was ich sehen kann für mich, ist auch das Potential, die Verheißungen dessen, was in der Gegenwart schon da ist: bei den Kolleg*innen, den Schüler*innen, Eltern und auch bei mir selber. Ein neuer Blickwinkel, eine neue Perspektive. Die Gegenwart weitet sich in Richtung Zukunft, ohne sich in enttäuschenden Erwartungen zu verlieren.

Und so grüße ich Sie, heiße Sie willkommen in diesen Wochen im Mai, als Prinzen und Prinzessinnen der Kreise Duisburg, Kleve und Wesel, Königinnen und Könige von Duisburg-Niederrhein!

Für das Team des Schulreferats

Ihre Hanna Sauter-Diesing

Foto: Hanna Sauter-Diesing